Der Aufbruch


Es ist bereits 10.00 Uhr und wir müssen endlich los. Mit meinem kleinen Firmenwagen, einem Renault Rapid, fahren wir Richtung Frankreich. Kira stellt sich zwischen die Rucksäcke auf der Ladefläche und hechelt in einer Tour. Sie weiß von alledem nichts, was auf sie zukommt. Es dauert ewig lange, bis sie sich endlich ablegt. Willi und ich wechseln uns alle zwei Stunden ab und nehmen nicht die kürzeste Strecke. Wir haben Zeit, es liegen sechs lange Wochen vor uns. Ich habe es noch nicht realisiert, soviel Zeit für mich zu haben. Über Trier, Orleans, Bordeaux, Bayonne geht´s nach St. Jean Pied de Port. Das schwierigste Stück haben wir zum Schluss unserer langen Fahrt.

Es ist 3.00 Uhr morgens, als wir nach siebzehn Stunden Autofahrt dort ankommen. Wir sind dermaßen kaputt und brauchen einen ruhigen, abgelegenen Platz zum schlafen. Der Ort schläft schon längst, als wir uns auf einen kleinen Parkplatz am Ortsrand stellen. Wir legen uns auf die Ladefläche und lassen die hinteren Türen offen. Verdammt feucht hier und kalte Luft am Rande der Pyrenäen. Für Kira ist hier hinten kein Platz mehr; sie muss nach vorn in den Fußraum der Beifahrerseite.

Alle Sachen liegen wild verstreut im ganzen Auto herum. Ordnung halten ist hier nicht mehr möglich. Wir sind froh, als wir in den Schlafsäcken liegen. Es ist eine kurze, unruhige Nacht. Wir sind wie gerädert, als wir nach vier Stunden wach werden, und kriechen aus dem von der Decke tropfenden Wagen. Erst mal strecken, dann eine Katzenwäsche, kämmen, bevor wir anfangen, das Chaos der letzten Nacht zu ordnen. Wir fahren in die Ortsmitte und stellen den Wagen gut sichtbar direkt an der Straße ab. Es ist der erste Parkplatz und er hat keinen Parkscheinautomaten. Kira lasse ich im Auto, als wir frühstücken gehen.

Wir sitzen vor einer Bar und ich beobachte die ersten Pilger. Sie sind ebenfalls sehr zeitig aufgestanden und holen sich auch erstmal einen Kaffee und Croissants. Sie haben die letzte Nacht noch in einem Bett geschlafen, und man kann es ihnen auch ansehen. Wir dagegen sehen etwas verknittert aus. Einige dieser Männer sind ein paar Jahre älter als wir. Sie haben trotz der kühlen Witterung bereits kurze Hosen an. Ich bin beeindruckt von ihren muskulösen Beinen und strammen Waden. Der liebe Gott hat mich nicht mit solch athletischen Beinen ausgestattet. Ich musste mich bereits zweimal an den Beinen operieren lassen. Mir wurden fingerdicke Krampfadern gezogen, bei jeder OP waren es genau fünfzig Schnitte. Der Stationsarzt sagte am Morgen vor der OP, als er die dicken Venen mit einer schwarzen Mine anzeichnete, scherzhaft: „Bei Ihnen können wir die Beine gleich in einen Eimer mit schwarzer Farbe tauchen, die müssen fast alle raus.“ - Ich blickte ihn mit großen, misstrauischen Augen an und dann lachten wir gemeinsam über diesen deftigen Witz.

Mit solch gesunden Beinen kann man mit Sicherheit besser laufen. Wir werden es sehen, abgerechnet wird zum Schluss.

Nach einem zweiten Kaffee gehen wir zum Auto und holen Kira heraus. Wir gehen durch die engen Gassen und finden in einer von ihnen das Pilgerbüro. Ich warte mit Kira draußen. Willi geht hinein, um sich seinen ersten Stempel und Informationen über den Weg abzuholen. Ich bin bereits zweimal in Deutschland auf dem Jakobsweg unterwegs gewesen und habe bereits einen Pilgerpass. Ich konnte ihn aber vor meiner Abreise nicht finden und habe mich entschieden, ohne Pilgerpass zu laufen.

Willi ruft mich: „Burghard, komm doch mal rein, hier ist jemand, der will Dir was zu Deinem Hund sagen. Übrigens, hier kannst Du noch einen Pilgerpass bekommen, wenn Du willst!“ Ein kleiner, etwas untersetzter Mann kommt auf mich zu und spricht mich im schwäbischen Dialekt an. Ich muss mich ganz auf Kira konzentrieren und sie kurz an der Leine halten. „Sie wollen diesen Weg mit dem Hund laufen?“ - „Ja, das habe ich vor!“ - „Ich kann Ihnen nur davon abraten, den Hund mitzunehmen. Bei aller Tierliebe, weder Sie noch der Hund werden etwas davon haben! Sie können den Hund nicht von der Leine lassen, des Weiteren werden Sie mit den Bauern und Schäfern nur Ärger bekommen. Wenn Sie Ihren Hund von der Leine lassen und er hinter Schafen herjagt - die machen keinen langen Prozess, die schießen auf Ihren Hund, oder Sie müssen für den angerichteten Schaden aufkommen. Sie werden mit dem Hund in Spanien nur Ärger und Schwierigkeiten haben. Und in den Herbergen werden Sie mit dem Hund sowieso nicht aufgenommen.“

„Das weiß ich, wir haben Zelte dabei, wir werden nicht in den Herbergen schlafen.“ - „Das ist in Spanien auch verboten. Ich gebe Ihnen einen guten Rat: Rufen Sie jemanden an, der den Hund abholt oder lassen Sie ihn hier.“ - Was ist los? Ist der blöd? Ich soll meinen Hund hier lassen? Auf gar keinen Fall! Ich sage zu ihm: „Ohne meinem Hund werde ich nicht laufen. Dann muss ich ihn eben an der Leine lassen und darauf achten, dass nichts passiert. Ich werde mich ganz auf meinen Hund einstellen, aber er geht auf jeden Fall mit.“ - Das kann er nicht verstehen. Er dreht sich nach meiner Antwort sofort um und geht.

Willi sagt: „ Das habe ich Dir gleich gesagt, aber Du hast ja nicht auf mich gehört. Mit dem Hund wird es Probleme geben.“ - „Das ist mir jetzt scheißegal. Ich habe Dir gesagt, das ich mit meinem Hund gehe. Und jetzt nehme ich ihn auch mit!“ - Was für ein Start, dass fängt ja super an! Ich habe einen knallroten Kopf, mir steht meine Wut im Gesicht geschrieben. Was denken die beiden sich?

„Burghard, willst Du Dir hier noch einen Pilgerpass holen?“ - Ich schaue ihn an, mein Gesicht sagt alles. „Ich brauche keinen Pilgerpass“, sage ich patzig, „er bringt nur Unruhe zwischen mich und Kira.“ Immer wieder Stempel abholen, darauf habe ich nun noch weniger Bock. Ich muss raus hier, bevor ich platze.